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Was ist Transkription

Seit es die Möglichkeit gibt Gesprochenes in schriftlicher Form dauerhaft aufzubewahren gibt es auch Bemühungen, dies möglichst genau zu tun. Die Übertragung einer Kommunikationsform in eine andere, also des gesprochenes Wortes in eine schriftliche Form, nennt man Transkription (lat.: trans scribere = umschreiben).

Unsere heutigen, wissenschaftlich fundierten Bemühungen auf diesem Gebiet haben eine lange Tradition. Das Anfertigen von Protokollen, was letzten Endes nichts anderes ist als eine Form der Transkription, war beispielsweise in den Hexenprozessen des Mittelalters sehr gefragt. Viele dieser Protokolle existieren noch heute. Oder man betrachte die Abbildungen im Grab des Min, eines Beamten des ägyptischen Königs Thutmosis III. In einer Szene ließ er sich selbst darstellen, wie er dem Prinzen Amenophis Unterricht im Bogenschießen gab. Seine Anweisungen wurden an der Grabwand verewigt und sind ebenfalls nichts anderes als ein Transkript dessen, was er einst sagte. Man kann beliebig weit in der Geschichte zurückgehen und wird immer wieder auf derartige Bemühungen stoßen. Seit der Erfindung der Schrift gibt es sie. Transkription ist die Überwindung des Vergessens mündlicher Kommunikation.

Transkriptionssysteme

In [Kowal2012] S. 437–447 werden vier Formen unterschieden:

  • Transkriptionen in Standardorthografie – Übertragung des Wortsinns ins Hochdeutsche ohne Berücksichtigung von Dialekt und Versprechern.
  • Transkriptionen in literarischer Umschrift. Die sprachlichen Besonderheiten, beispielsweise Elisionen und Assimilationen, Gesprächspausen, Wortabbrüche etc. werden berücksichtigt.
  • Lautgetreue Übertragung mittels literarischer Umschrift (Eye Dialect).
  • Nutzung der phonetischen Umschrift nach dem Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA).

Ein Transkriptionssystem ist ein Regelwerk, nach dem eine Transkription angefertigt wird. Dieses beschreibt nicht nur die Verwendung und Bedeutung diverser Zeichen, welche schwer darstellbares im Text beschreiben sollen, etwa Gesten und Blicke. Es wird oft damit festgelegt, wie eine Transkription ablaufen soll, worauf besonderer Wert gelegt wird und was als Ergebnis unbedingt zu liefern ist. Im Laufe der Zeit wurden für verschiedene Bedürfnisse unterschiedliche Transkriptionssysteme entwickelt.

Beispiele für Transkriptionssysteme:

  • CATS (Conversational Analysis Transcription System)
  • DIDA-Transkriptionsrichtlinien des IdS
  • GAT (Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem)
  • HIAT (Halbinterpretative Arbeitstranskription)
  • IMT (Interlineare Morphemglossierung)
  • WBT (Web Based Transcription)

Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig. Es gibt unzählige Transkriptionssysteme. Im folgenden soll nur auf das bekannte GAT eingegangen werden. Damit soll jedoch keineswegs eine Wertung oder eine Rangfolge gegeben werden.

GAT – Das »Gesprächsanalytische Transkriptionssystem«

Die Entwicklung des GAT fußt zum Teil auf dem um 1960 von Emanuel Schegloff, Harvey Sacks und Gail Jefferson entwickelten konversationsanalytischen Notationskonventionen (CA) und wurde 1998 von Linguisten entwickelt. Eine überarbeitete Variante wurde 2009 als GAT2 veröffentlicht.

Es werden grob drei Stufen unterschieden: Basis-, Minimal- und Feintranskript.

Minimaltranskript

  • Wortlaut
  • Gesprächsstruktur (Überlappungen und simultanes Sprechen)
  • Notierung der Gesprächspausen mit Einschätzung ihrer Länge (Mikropause, kurze, mittlere, längere Pause)
  • Atmen
  • Verschleifung von Endungen, Wortzusammenziehungen, Husten, Rezeptionssignale (hm, ja, oh …) etc.
  • Kennzeichnung von Unklarheiten

Basistranskript

  • Notierung von Betonungen (Wortdehnungen, Akzente etc.)

Feintranskript

  • detaillierte Notierung von Betonungen
  • Berücksichtigung der Lautstärke und der Sprechgeschwindigkeit

Diese Einteilung stellt eine grobe Richtlinie dar. Einen verbindlichen Standard gibt es nicht und es wird ihn auch nicht geben. Was in ein Transkript einfließen muß unterliegt den Bedürfnissen der anschließenden Auswertung. Diese Problematik bedarf einer gesonderten Betrachtung.

Ein Widerspruch in sich

Die Informationen in einem Gespräch oder einer Aussage werden über viele Kommunikationskanäle transportiert. Stellen sie sich vor, sie müßten nur eine einzige Sekunde der berühmten Balkonszene in Shakespeares »Romeo und Julia« transkribieren. Beschreiben wir das, was wir in der Szene einer gedachten Aufführung sehen:

»Sie hebt die Augen zum Himmel, seufzt und preßt die Hände vor der Brust zusammen und Romeo hebt die Arme …«

Wie gesagt, eine einzige Sekunde und allein die Beschreibung füllt eine Zeile. Dabei wurde kein einziges Wort gesprochen und weder über Julias noch über Romeos Mimik wurde etwas gesagt. In einem vollständigen Transkript, beispielsweise wenn für wissenschaftliche Zwecke Psychologen sich über die Gefühle der Protagonisten klar werden wollen genügt das gesprochene Wort nicht. Diese eine Sekunde, obwohl sie so viel über ihr Innenleben und ihre Beziehung zueinander aussagt wäre komplett verloren.

Die Transkription verbindet verschiedene Kommunikationskanäle wie etwa die Betonung und letztendlich das gesprochene Wort zu einer Einheit. In Einzelfällen kann sogar die Gestik berücksichtigt werden, beispielsweise bei der Transkription von Videomaterial. Die »Gesamtheit des Beobachtbaren« wird in Textform umgewandelt. Aus vielen Kommunikationskanälen wird ein einziger – ein Text.

Doch genau darin liegt der Widerspruch. Ein Transkript transportiert notwendigerweise die Informationen mit dem es – gewollt oder nicht – beladen wird. Wenn die Vorgabe darin besteht, dem Text so viele Informationen wie nur möglich mitzugeben, dann wird der so entstandene Text zu einem schwer lesbaren Monstrum. Auch wenn das für die Wissenschaft gewollt und sogar sinnvoll sein mag, in anderen Fällen wäre ein solches Transkript vielleicht unbrauchbar. Betrachten sie beispielsweise diesen kleinen Auszug aus einem Feintranskript, in dem nur die Betonung berücksichtigt wurde, und stellen sie sich vor, sie hätten hunderte solcher Seiten vor sich:


01    S1: ja:; (.) die ↑`VIERziger genera`tiOn so;=
02        =das=s: ↑`!WA:HN!sinnig viele die sich da ham [↑`SCHEIden
03    S2:                                                 [ ja;
04        lasse[n.=
05    S2: [ hm,
06    S1: =<<dim> oder  ̄schEiden lassen ↑`ÜBERhaupt.>
07    S2: hm,
08        (--)


[2] S. 34, abgerufen am 27.10.2015

Ist es das, was sie für ihre Zwecke benötigen?

Wer sich über den Ablauf und den Aufwand einer Transkripterstellung nicht im klaren ist neigt dazu ein Feintranskript zu verlangen. Besonders wenn es sich nur um ein kurzes Gespräch von einigen Minuten handelt. Alles mitnehmen was möglich ist, scheint hier die Devise. Es könnte ja wichtig sein. Das ist zwar ein zutiefst menschlicher Zug, daß dies jedoch völlig unnötig ist erkennt man erst, wenn man sich einmal ein wenig näher damit beschäftigt hat.

Es ist unbedingt notwendig, daß man sich darüber klar wird, was für welchen Zweck unbedingt benötigt wird. Jede Transkription muß sich stets auf das unbedingt Notwendige beschränken; auf einen zweckdienlichen und sinnvollen Informationsgehalt im Transkript. Ein Feintranskript ist kontraproduktiv wenn es ausreicht, ausschließlich das gesprochene Wort im Text festzuhalten. Das Notieren weiterer Kommunikation ist manchmal nur ein Faktor, der die Unleserlichkeit erhöht und damit den Nutzen des Transkriptes reduziert. Ganz zu schweigen davon, daß er Aufwand und Kosten nach oben treibt.

TIP: Transkribiert wird nur das, was später auch ausgewertet wird.

Daraus läßt sich ableiten, daß zu einem Transkript unbedingt eine Vorbereitung gehört. Wenigstens die Frage, ob ein einfaches, ein »ganz einfaches«, oder ein Feintranskript benötigt wird sollte vom Auftraggeber eingehend beantwortet werden. Wenn für ein Transkript jedoch umfangreiche Auswertungen vorgesehen sind, ist es zwingend notwendig daß sich Auftraggeber und Ausführender detailliert absprechen.

Zeit

Der wesentliche Faktor bei der Beurteilung des Aufwandes für eine Transkription ist selbstverständlich die benötigte Zeit. Wie bereits beschrieben legt der Zweck, sprich die nachfolgende Auswertung im Prinzip den Umfang und damit die benötigte Zeit fest. Sehen wir uns das einmal genauer an.

Um ein Audiodokument zu transkribieren muß man sich zuerst einmal hineinhören. Besonders wichtig ist dies, wenn in einem solchen Dokument Dialekt verwendet wird, egal ob dieser bei der Transkription berücksichtigt wird oder nicht. Ebenso spielt es eine große Rolle, ob sich vermehrt Fachausdrücke darin finden, wie etwa bei einem medizinischen Befund, das ein Arzt aufgezeichnet hat.

Des Weiteren spielt die Länge eine Rolle. Ein Transkript-Schreibender ist keine Maschine. Ein Dokument mit einer zehnstündigen Diskussion kann man nicht in zehn Stunden »tippen«. Selbst wenn man Redetempo schreibt. Das Nachschlagen von Fachausdrücken, die abschließende Rechtschreibkorrektur, der Vergleich mit dem Interview – all das nimmt nun einmal Zeit in Anspruch. Zeit die auch bezahlt sein soll.

Natürlich ist das vor allem abhängig von der geforderten Komplexität. Aber auch für ein einfaches Transkript, in dem nur der Wortsinn übertragen werden soll gilt: Eine Interviewminute wird während einer Transkription mindestens dreimal, im Regelfall mehr als fünfmal gehört. Das bedeutet, daß ein einstündiges Interview de facto etwa fünf Stunden lang gehört wird. Nur gehört! Dabei ist noch nichts geschrieben!

Oft ist die zeitraubendste Beschäftigung während einer Transkription das verzweifelte Bemühen, die Sprecher vor den Geräuschen des Hintergrundes zu verstehen. Das Vor- und Zurückspulen der Aufnahme und das Wiederfinden der letzten Stelle haben wesentlichen Einfluß auf den Zeitfaktor. Eine gute Ausrüstung macht sich in diesen Fällen sehr bemerkbar. Andererseits muß angemerkt werden, daß eben dies die Arbeit bei einer Transkription ausmacht. Man kann es nicht umgehen, außer vielleicht durch absolut perfekte Studioaufnahmen mit geschulten Sprechern wie etwa Schauspielern. Aber wie realistisch ist ein solches Szenario?

Zum Zeitbedarf abschließend eine Einschätzung aus dem »Praxisbuch Transkription«

»Die von uns schnellste, gemessene Transkriptionsgeschwindigkeit lag bei etwa 1 zu 3. D.
h. für eine Stunde Interview wurden etwa drei Stunden zur Transkription benötigt. Diese Person schaffte das Rekordtempo aber nur, weil sie lediglich eine Stunde tippte, keinen zweiten Korrekturdurchgang durch das Material machte und einfache Regeln für die Abschrift nutzte. Der größte Zeitumfang kommt bei sehr komplexen Transkriptionsregeln zustande und liegt beträchtlich höher. In der Literatur finden sich Angaben von 30 bis 60 Minuten pro Materialminute …« [Dresing2011] S. 28.

Mein Rat

Ich hoffe, daß ich in diesem Artikel einige Einblicke und Anregungen liefern konnte. Vor allem für jene, die vor der schweren Aufgabe stehen, ein Interview transkribieren zu lassen. Die Schreiberstube kann Sie bei dieser Aufgabe unterstützen.

Mein Rat, den ich an dieser Stelle loswerden möchte ist: Werden sie sich über den Aufwand und vor allem über die notwendige Komplexität einer Transkription klar. Planen Sie ausreichend Zeit für die Erstellung einer Transkription ein. Sehr oft wird dieser Aufwand unterschätzt. Machen Sie sich Gedanken über das, was sie mit der Transkription erreichen oder aussagen wollen. Was möchten sie mit dem Interview später tun? Wie soll es ausgewertet werden? Welche eigenen Aussagen möchten sie damit belegen?

Nachdem dieser Schritt einmal vollzogen ist, werden sie schnell ein Gefühl für die Einschätzung des erforderlichen Aufwandes entwickeln. In der angeführten Literatur finden sie weitere Anregungen.

Über Kommentare und Hinweise freue ich mich immer.


Interessante Links und Quellen:
- [1] http://www.zahlungspraxis.de/transkriptionspreise-umfrage/, abgerufen am 27.10.2015
- [2] http://www.mediensprache.net/de/medienanalyse/transcription/gat/gat.pdf, abgerufen am 27.10.2015
- [3] Wikipedia, Lemma »Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem«, abgerufen am 23.10.2015
- [Selting2009] Selting et al: Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). Gesprächsforschung - Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion. 10, 353–402 (2009).
- [Dresing2011] Dresing, Thorsten; Pehl, Thorsten: Praxisbuch Transkription. Regelsysteme, Software und praktische Anleitungen für qualitative ForscherInnen. 3. Auflage. Marburg, 2011. Quelle: www.audiotranskription.de/praxisbuch (Datum des Downloads: 27.10.2015)
- [Kowal2012] Kowal, Sabine; O’Connell, Daniel C.: Zur Transkription von Gesprächen. In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 9. Aufl. 2012. Reinbek: Rowohlt.